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Das Säumeprojekt

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Der Begriff lässt einen erst einmal an Rocksäume oder andere textile Erscheinungsformen denken. Jedoch kann auch ein Gehweg von Blumen gesäumt sein, eine Straße von einer Menschenmenge und ein Feld von Saumpflanzen wie die Botaniker sagen. In der Poesie kennt man auch den Waldessaum.

Säume sind Grenzbereiche, die flexibel und oft üppig daherkommen. Im Unterschied zu starren Grenzlinien mildern sie den Übergang von einem Bereich zum anderen ab, dienen oft auch der Verzierung.

Aus meinem Interesse an urbanen Randbereichen mit Übergang zur Vegetation und meiner Vorliebe für den Löwenzahn ergab sich Ende des Jahres 2015 ein Dialog mit dem Kunstverein Syke. So bekam ich die Möglichkeit, für das Gebäude der Alten Posthalterei in Syke eine Ausstellung zu konzipieren, die Sykes Säume zeigen sollte. Im Oktober 2016 wurde die Ausstellung "Am Saum" eröffnet.

Ich machte im Frühjahr und dann immer mal wieder Exkursionen, um Motive zu sammeln und erforschte so die Gemeinde Syke, um dann die gefundenen Säume mit den Mitteln der Malerei und Collage sichtbar zu machen.

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das vierer-Ensemble: diese vier Bilder sind in dieser Anordnung als eine Arbeit entstanden und wurden auch in dieser Konstellation ausgestellt

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ein Saum am Ausstellungsort! einige Wände in der Posthalterei sind mit einer in Farbe und Muster sehr dominanten Bordüre bemalt – hier meine künstlerische Antwort, in situ fotografiert

Syker „Traumpfade“

Da wo samtiges Moos auf kalten Stahl trifft, ein bröckeliger Kantstein eine natürliche Linie zeichnet oder sich Wiesenblumen zwischen Gehwegplatten einen Weg bahnen, da wird Kirsten Kosubeks Jagdfieber geweckt. Mit botanischem Kennerblick und der obligatorischen Kamera im Gepäck hat sie sich vor nahezu einem Jahr in die nahe Ferne - nach Syke – aufgemacht um visuelle Beute für ihr Arbeiten im Delmenhorster Atelier zu machen. Ihr erklärtes Ziel: Säume malen.

Kirsten Kosubeks Vorgehen gleicht dem einer Forscherin, wenn sie sich systematisch mit dem Begriff auseinandersetzt und sich Wege zum Abschreiten markiert. Es erinnert aber auch an das einer Nomadin, die immer in Bewegung ist und sich in ihren Erkundungstouren dem Wandel der Jahreszeiten anpasst. Doch gleichen ihre Aufenthalte auch dem einer Künstlerin auf Residenz: Eingeladen vom Syker Kunstverein lässt sie sich auf die örtlichen Gegebenheiten ein, spielt das Spiel der Entdeckerin eines neuen Kontinents mit. So erinnert letzteres auch an Bruce Chatwins Roman „Traumpfade“ – in dem die Wege der Aborigines anhand einer Abfolge mythischer Bilder gefunden werden können. Gibt es also Syker „Traumpfade“?

Für alle Reiselustigen und Neugierigen steht am Anfang einer solchen Unternehmung das Studium der Karte. Die „Forscherpfade in Syke“ eröffnen das Szenario und geben dem Erkundungsort eine – im wörtlichen Sinne - greifbare Gestalt. Schnell wird deutlich: Kirsten Kosubek begreift Säume nicht nur botanisch, sondern auch naheliegend stofflich. Dies kommt nicht von ungefähr. Schließlich geht es der Künstlerin auch gerne einmal um das Spiel mit Materialien – wie die Einladungskarte mit dem Gras- und Garn umsäumten Syker Wappen eindrucksvoll zeigt. Auch geht sie mit einem Augenzwinkern auf die Ausstellungsräume in der Alten Posthalterei ein. Die dortige Wandbordüre muss sie als dominantes visuelles Element beim Kuratieren der Ausstellung mitdenken – so hat sie sich kurzerhand entschlossen sie gleich miteinzubeziehen und spielerisch umzudeuten.

Wo einerseits Collagen aus Naturmaterialien, Garnen und collagierten Fotoabzügen zu den gestalterischen Mitteln ihrer Arbeiten werden, ist sie andererseits durch und durch Malerin. So überführt sie die digitale Momentaufnahme ihrer Erkundungen in das analoge und wesentlich langsamere Verfahren des Malens. Auch übersetzt sie diese Bildcollagen in „Ränder“ in eine überaus präzise und scharf beobachtende Malerei, die im Kleinen einen ganzen Kosmos entdeckt; wie in den allgegenwärtigen Plastikclips der Firma Hansebeton. Genau hier ist Kirsten Kosubek in ihrem Element.

Geht es ihr ganz wesentlich um die naturalistische Darstellung, so zeigt sie in ihren neuesten Arbeiten Kompositionen, die mit Leerstellen experimentieren. So verläuft sich der Asphaltrand einer Straße zum Betrachter hin im Weiß der Leinwand. Und bildet mit den Symbolen der Zivilisation – den Mülltonnen und Leitpfosten - eine einerseits durchlässige, doch vor allem zentrale und eindeutige Linie. Ein „Traumpfad“?

Wohl kaum, will man zumindest meinen. Doch ist es gerade dieses leise Aufeinandertreffen der Natur auf die durchgestylte Umwelt des Menschen, das sich für die Malerin nach Motiv anhört. In diesem Sinne warten die blasseren, in leichtem Sepiaton gehaltenen Arbeiten mit allerlei Interpretationen von Säumen auf. Die bewusst verhaltene Farbwahl fokussiert nicht nur den Blick, sie erinnert auch an Traumbilder. So fühlt man sich verführt, die Syker Säume als von Bruce Chatwin inspirierte „Traumpfade“ zu interpretieren. Sie machen für die sprießenden Dschungel am Wegesrand aufmerksam, verdeutlichen den schmalen Grat zwischen Natur und Mensch und lassen auch hoffen – denn binnen weniger Wochen ist alles vom Menschen Unberührte von Moosen, Gräsern und Blättern umsäumt.

Aneta Palenga, Kunstwissenschaftlerin (Oktober 2016)